Der massive Stromausfall im Süden Berlins, der rund 45.000 Wohnungen zeitweise von der Stromversorgung abschnitt, ist ein gravierendes Ereignis. Ein Angriff auf kritische Infrastruktur ist kein symbolischer Akt, sondern trifft reale Menschen: Familien, Pflegebedürftige, Kinder, Alte. Das muss unmissverständlich festgehalten werden: Gewalt gegen Zivilist:innen ist in jeder Form abzulehnen und zu verurteilen.
Gerade weil das so ist, dürfen solche Ereignisse nicht zur politischen Waffe gemacht werden. Genau das aber passiert – und zwar erwartbar, kalkuliert und mit Methode. Die AfD nutzt Krisen, Unsicherheit und Angst seit Jahren, um autoritäre, antidemokratische Narrative zu setzen. Auch hier ist sie wieder zur Stelle.
Ein angeblich klarer Fall – mit einem erstaunlich dünnen Fundament
Noch bevor Ermittlungen abgeschlossen waren, wurde der Stromausfall öffentlich als linksextremer Anschlag gerahmt. Grundlage dieser Zuschreibung: ein anonymes Bekennerschreiben auf der Plattform Indymedia. Mehr braucht es offenbar nicht mehr, um ganze politische Milieus unter Generalverdacht zu stellen.
Das ist brandgefährlich. Denn Indymedia ist ein offenes Publikationsportal, auf dem jede Person anonym Inhalte einstellen kann – ohne Identitätsprüfung, ohne Verifikation, ohne redaktionelle Kontrolle. Selbst Sicherheitsbehörden weisen regelmäßig darauf hin, dass Bekennerschreiben im Netz kein Beweis sind, sondern höchstens ein Ermittlungsansatz sind.
Dass dennoch so getan wird, als sei damit alles gesagt, ist kein Zufall. Es passt perfekt in das Weltbild jener, die seit Jahren versuchen, „die Linke“ pauschal als Sicherheitsrisiko zu markieren.
Die AfD und ihre Rolle: Öl ins Feuer, nicht Aufklärung
Besonders auffällig ist die Rolle der AfD. Der Berliner AfD-Abgeordnete Frank-Christian Hansel stellte bereits vor dem Stromausfall eine parlamentarische Anfrage zur Belastbarkeit der Stromversorgung im Berliner Süden. Inhaltlich ging es um Ausfallszenarien, Ersatzkapazitäten und Verwundbarkeiten der Infrastruktur.
Parlamentarische Anfragen sind an sich legitim. Doch im politischen Kontext der AfD sind sie selten neutral. Die Partei nutzt Institutionen nicht zur Aufklärung, sondern zur Skandalisierung und Delegitimierung demokratischer Strukturen. Sie lebt davon, staatliches Versagen zu behaupten, Angst zu schüren und autoritäre „Law-and-Order“-Antworten zu fordern.
Hansel selbst gilt als klar prorussisch positioniert. In einer Zeit, in der russische Einflussoperationen, hybride Bedrohungen und gezielte Destabilisierung europäischer Gesellschaften dokumentiert sind, ist das keine Nebensächlichkeit. Es ist politisch relevant – und muss benannt werden.
Das Muster ist bekannt: Erst hetzen, später schweigen
Wer glaubt, diese Dynamik sei neu, irrt. 2024 wurden in mehreren deutschen Städten SUVs sabotiert: Auspuffe mit Bauschaum verstopft, Aufkleber mit der Aufschrift „Sei grüner“ und dem Konterfei Robert Habecks. Boulevardmedien, rechte Influencer und AfD-nahe Kanäle waren sich sofort einig: linke Klimaaktivist:innen, Öko-Extremismus, angeblicher Terror.
Der Zeitpunkt war bezeichnend – wenige Monate vor Wahlen. Die Empörungsmaschine lief heiß.
Später stellte sich heraus: Die Taten hatten nichts mit linken Klimabewegungen zu tun. Ermittlungen führten zu einer Person mit Wohnsitz in Russland. Die politische Kampagne war da längst gelaufen, der Schaden angerichtet, das Narrativ gesetzt. Eine Entschuldigung? Eine mediale Aufarbeitung? Fehlanzeige.
Die „Vulcan-Gruppe“ – ein Name, der politisch passt
Auch im aktuellen Fall lohnt ein genauer Blick. Die sogenannte Vulcan-Gruppe soll laut Behörden seit 2011 existieren. Öffentlich sichtbar wurde sie jedoch erst sehr spät – mit einem Wikipedia-Eintrag ab Ende August 2025, also in unmittelbarer Nähe zu einem Wahljahr.
Das beweist nichts. Aber es zeigt, wie schnell Namen, Etiketten und Feindbilder verfügbar gemacht werden, wenn sie politisch nützlich sind. Die AfD braucht diese Feindbilder. Ohne sie hätte sie nichts anzubieten außer Ressentiments.
Faschistisch in der Methode, autoritär im Ziel
Man muss es klar sagen: Die AfD ist keine „normale“ Partei. Sie arbeitet systematisch daran, demokratische Institutionen zu diskreditieren, Medien zu delegitimieren, politische Gegner zu entmenschlichen und autoritäre Lösungen als alternativlos darzustellen. Das ist kein konservativer Protest – das sind faschistische Muster.
Faschismus beginnt nicht mit Uniformen. Er beginnt mit der Einteilung in „wir“ und „die“, mit kollektiver Schuldzuweisung, mit der bewussten Verzerrung von Fakten, mit der Instrumentalisierung von Angst. Genau das sehen wir hier wieder.
Keine Verschwörung – sondern politische Wachsamkeit
Niemand behauptet, der Stromausfall sei inszeniert oder erfunden. Aber es ist unsere Pflicht, zu fragen, wer wie und warum aus einem realen, gefährlichen Ereignis politisches Kapital schlägt. In Wahljahren ist diese Wachsamkeit kein Luxus, sondern demokratische Notwendigkeit.
Die vorschnelle Zuschreibung eines anonymen Bekennerschreibens, das willige Aufgreifen durch rechte Medien und das sofortige politische Ausschlachten durch die AfD ergeben kein Beweisbild – sondern ein bekanntes Muster autoritärer Stimmungsmache.
Medien, Sicherheitsdiskurs und der reflexhafte Extremismus-Verdacht
Auffällig ist, wie schnell große Teile der Medienlandschaft den Deutungsrahmen von Sicherheitsbehörden und rechten Akteuren übernommen haben. Noch bevor belastbare Ermittlungsergebnisse öffentlich vorlagen, wurde der Begriff des linksextremen Anschlags gesetzt und wiederholt. Damit entsteht ein Klima, in dem nicht mehr gefragt wird, was geschehen ist, sondern nur noch, wer politisch davon profitieren kann.
Dieser Mechanismus ist bekannt aus anderen sicherheitspolitischen Debatten. Er folgt einer simplen Logik: Komplexe Sachverhalte werden moralisch vereinfacht, politische Gegner werden als Gefahr markiert und staatliche Repression erscheint plötzlich als notwendige Antwort. Die AfD bewegt sich in diesem Diskurs nicht am Rand, sondern treibt ihn aktiv voran.
Kritische Infrastruktur als Projektionsfläche
Der Begriff der kritischen Infrastruktur wird zunehmend politisch aufgeladen. Stromnetze, Wasser, Kommunikation und Verkehr sind reale Verwundbarkeiten moderner Gesellschaften. Doch anstatt sie sachlich zu analysieren und resilienter zu machen, werden sie von rechten Akteuren als Bühne für Untergangsszenarien genutzt.
Die AfD inszeniert sich dabei als vermeintliche Schutzmacht der Bevölkerung, während sie gleichzeitig Vertrauen in staatliche Institutionen systematisch untergräbt. Das ist kein Widerspruch, sondern Teil einer autoritären Strategie: Erst wird Unsicherheit erzeugt, dann wird die starke Hand gefordert.
Wahljahre und politische Eskalation
Dass solche Eskalationen gehäuft in Wahljahren auftreten, ist kein Zufall. Studien zur politischen Kommunikation zeigen, dass Angstthemen in Wahlkampfzeiten besonders wirksam sind. Sabotage, Blackouts und Sicherheitsbedrohungen eignen sich hervorragend, um emotionale Reaktionen auszulösen und rationale Debatten zu verdrängen.
Die AfD hat dieses Spiel perfektioniert. Sie agiert weniger als parlamentarische Kraft, sondern als dauerhafte Krisenpartei. Jeder Vorfall wird zum Beweis einer angeblich gescheiterten Demokratie erklärt. Differenzierung stört dabei nur.
Fazit: Keine Deutungshoheit den Autoritären überlassen
Der Stromausfall in Berlin ist ein ernstes Ereignis. Er verlangt Aufklärung, technische Konsequenzen und politische Verantwortung. Was er nicht braucht, ist eine AfD, die aus jedem Krisenmoment Kapital schlägt und demokratische Diskurse vergiftet.
Die Auseinandersetzung mit solchen Vorfällen entscheidet sich nicht allein bei der Frage nach Täter:innen, sondern bei der Frage, welche politischen Schlüsse gezogen werden. Wer Freiheit, Solidarität und Demokratie verteidigen will, darf der AfD diese Deutungshoheit nicht überlassen.
Quellenbox
https://pardok.parlament-berlin.de/starweb/adis/citat/VT/19/SchrAnfr/S19-19161.pdf
https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/stromausfall-berlin-kritische-infrastruktur-100.html